Donnerstag, 10. Mai 2018

Dankbarkeit

Selten habe ich mich so dankbar und glücklich gefühlt wie am letzten Wochenende. Und dieser Zustand hält an. Und das kam so.

Vor ein paar Monaten, als ich nach dem Jahreswechsel realisierte, dass unsere Hochzeit nun nicht mehr "nächstes Jahr" sondern eben schon "dieses Jahr" stattfindet, überkam mich eine meiner typischen "Ich-schaff-das-Alles-nicht"-Panikattacken. Nach einer durchwachten Nacht war dann das erste, was ich zu T. sagte, um der akuten Panik Herr zu werden, dass er doch sicher dafür sorge, dass mein Junggesellinnenabschied, sollte es denn einen geben, nicht zu nah an der Hochzeit stattfinde. Mit dem Wissen war meiner Trauzeugin die ganze Sache (zum Glück) ein wenig heikel und so fragte sie mich, ob es noch ok wäre, wenn ich im Mai, aber eben gaaaanz früh im Mai entfürt würde. Ich musste nur kurz schlucken, ehe ich zusagte. Und so wusste ich also das Wochenende. Im Nachhinein war das genau richtig so. So hibbelig und einschlafboykottiert, wie ich am Freitagabend im Bett lag, wäre das sonst vermutlich jedes Wochenende gewesen, und auch der Liebste bekundete seine Erleichterung darüber, meine Nervosität nur einen Abend ertragen zu müssen. In die 99% Vorfreude hatte sich nämlich ein kleines Prozent Besorgnis darüber, was mich denn wohl erwarte, gemischt, das am Freitagabend sein nervtötendes Gesicht zeigte. 

Das einzige, was ich wusste, war, dass ich mich am Samstagmorgen ab 9 Uhr und ungefrühstückt bereit halten sollte, sowie dass mein Gepäck für eine Übernachtung reichen sollte und ein bisschen Outdoorkleidung beinhalte sollte.
Die Tasche war natürlich fertig gepackt und so musste ich am Samstagmorgen - nach einer kurzen Anti-Stress-Laufrunde- nur noch WARTEN (und Kaffee trinken). Vielleicht war ich dabei auch ein bisschen neugiert. Dieses Foto machte der Liebste unbemerkt von mir. 




Dann klingelte es endlich und neben meiner Trauzeugin standen drei weitere Freundinnen, darunter auch eine Freundin, die ich mehrere Jahre nicht gesehen hatte, vor der Tür. Da war die Freude schon groß und die erste Anspannung fiel von mir ab. Ich bekam Blümchen ins Haar gesteckt und wir stiefelten los Richtung Innenstadt. Dort frühstückten wir genau so, wie es sich für einen Mädchentag gehört, bei Barbarella. 

Gestärt wurde ich dann ins Auto gesetzt. Als wir Richtung Trier fuhren, ahnte ich, wohin es gehen würde - denn meine Trauzeugin sowie eine der anderen anwesenden Damen haben Verbindungen zu ein und demselben Moselörtchen. Den Zufall haben sie wohl in den Planungen aufgedeckt und glücklicherweise so genutzt!

Als wir dann nach 2 Stunden Mund-fusselig-Quasseln das Ziel erreichten, überschlugen sich für mich ein wenig die Ereignisse. Als meine Trauzeugin da so Hin- und Herrangierte, streifte mein Blick das Kennzeichen des Autos vor uns... und es dauerte und dauerte, bis ich das Auto meiner Schwägerin erkannte. Das würde bedeuten, dass sie und meine Schwester auch noch dabei wären. Ich freute mich so unfassbar, stieg aus dem Auto aus, rannte eine Treppe hoch in der Erwartung die beiden zu sehen - und rannte in die Arme einer weiteren Freundin. Mit ihr hatte ich am Vorabend noch geschrieben, denn sie ist hochschwanger - und wenn ich  eines "gewusst" habe, dann dass so ein Wochenende für sie zu anstrengend wäre. Nicht ansatzweise hätte ich gedacht, dass es doch möglich sein könnte, und so war ich einfach nur baff. Nachdem ich sie ausgiebig geherzt hatte, begrüßte ich dann auch meine Schwester und meine Schwägerin. 
Wir verteilten die Betten und die Mädels packten die tollsten  Leckereien aus - Quiches, Cakepops, Weintrauben, Kuchen ... alles selbstgemacht und liebevoll dekoriert. Natürlich wurde die erste Flasche Sekt geöffnet und in diesen Trubel hinein überraschte mich noch ein weiterer Gast. Eine Freundin, die ich eeeeewig und drei Tage nicht gesehen habe und die alleine aus einer anderen Ecke Deutschlands angereist war. Der absolute Wahnsinn. Jetzt waren wirklich alle da, deren Kommen ich nie zu träumen gewagt hätte, und jetzt flossen ein paar Tränen. Dann saßen wir am Tisch, aßen lauter Leckereien und ich konnte nicht fassen, dass ich alle meine Lieben um mich herum habe. Innerhalb kurzer Zeit hatten sich auch irgendwie alle kennen gelernt, die sich noch nicht vorher auf irgendwelchen Parties bei uns gesehen hatten (von Kindergartenfreundin, über Schulfreundin, Familie und Aachen-Freundinnen war alles dabei!) und Glückseligkeit machte sich breit.






Ich hätte noch ewig einfach sitzen und palavern können, aber wir hatten noch Programm. Meine Trauzeugin hatte das perfekt im Griff und bekam den ganzen Haufen Punkt 16 Uhr zum vereinbarten Treffpunkt buxiert, wo wir eine Kanufahrt beginnen würden. Der Verleih-Mensch hielt uns entweder für seeehr jung, oder für seeehr betrunken, jedenfalls musste jedes Boot eine Vorführ-Runde paddeln, ehe er uns - nicht ohne noch einmal auf "rechts und links und rechts und links" hinzuweisen und uns - sich sichtbar unwohlfühlend - entließ. Für die nächsten 1,5 Stunden paddelten wir mal schneller mal langsamer, mal gerade, mal schief die Mosel herab, aber immer mit sehr viel Spaß. Nach dem Anlegen warteten wir noch in der Sonne eine Weile auf die Abholung durch die Mädels, die auf das Paddeln verzichtet hatten, und legten - zurück in der Ferienwohnung - die Füße hoch. Die einen saßen auf dem Balkon, die anderen im Wohnzimmer, überall war Wein im Spiel (außer natürlich bei meiner schwangeren Freundin) und ich torkelte betrunken vor Glück zwischen den Grüppchen hin und her, saß mal hier, mal dort, welchen Wein ich trank, war mir da schon länger egal. 


 





Kurz vor 8 Uhr blies meine Trauzeugin wieder zum Abmarsch. Auch hier wieder hatte ich größten Respekt davor, dass sie 9 Mädels rechtzeitig in die Puschen kriegte, ohne stressig zu wirken.  In der Straußwirtschaft mussten wir etwas länger auf das Essen warten, sodass alle etwas vorsichtig waren bzgl. des weiteren Wein-Genusses, aber das Essen war köstlich und überhaupt. Wir saßen draußen unter Weinreben und ich fühlte mich wie in der Toskana. 

Auf dem Heimweg wurden wir - wie auch schon zuvor - mehrmals angehupt. Dass wir auf dem Wasser schon von einem anderen Boot angesprochen worden waren "Seid ihr der Junggesellenabschied?" ließ schon vermuten, dass ein Junggesellenabschied bzw. erst recht ein Junggesellinnenabschied hier nicht die Tagesordnung ist. Meine Freundin, bei deren Verwandtschaft wir die Ferienwohnung hatten, plünderte deren Weinkeller und zelebrierte uns noch eine spontane und unfassbar witzige Weinprobe. Ohne dass wir es merkten, war irgendwann 2.30 Uhr und wir fielen ins Bett. Zu diesem Zeitpunkt erhielt der Liebste die erste und einzige Whatsapp dieses Wochenendes von mir - ich hatte ihn ein wenig vergessen. Ups. Und auch die aderen Mädels hatten wohl nicht so viel Gelegenheit gehabt sich bei den Männern zu melden - die hatten sich zwischendurch wohl schon gegenseitig gefragt "Sag mal, hast DU schon was gehört?" ;-)

Nach dem Frühstück am nächsten Morgen verabschiedeten sich die ersten, um sich auf den Heimweg zu machen. Der Rest der Truppe machte sich auf in die Weinberge, um ein wenig die Sonne zu genießen. Unsere schwangere Antreiberin wollte immer noch ein bisschen höher und ein bisschen weiter - und vielleicht kam es gerade dadurch, dass sie als Schwangere so fit und energiegeladen war, dass alle anderen mitzogen ohne zu murren. Obwohl es 
wirklich warm war, und wir nicht alle wandertauglich gekleidet.
Irgendwann war es dann leider Zeit sich auf den Heimweg zu machen und sich zu verabschieden. Es fiel mir so schwer, meine Dankbarkeit in Worte zu bringen - und ich kann jetzt sehr, sehr gut nachvollziehen, wie T. sich gefühlt hat. als er vor ein paar Wochen von seinem Wochenende heimkam.



Freitag, 27. April 2018

Schopenhauer

"Lesen heißt mit einem fremden Kopfe, statt des eigenen, denken." -

 

Das hat Schopenhauer gesagt. Diesen Ausspruch habe ich irgendwann zu Schulzeiten einmal gehört und seitdem nicht vergessen. 

Immer, wenn ich von einer Person, mit der die Chemie nicht besonders gut passt, zufällig erfahre, dass sie nicht liest, bin ich nicht überrascht und denke innerlich: Machste nix, Schopenhauer halt. 

Die Erklärung liefert Schopenhauer ja gleich mit, und ich stimme ihm da vollends zu: Mehr fremde Köpfe parallel denken zu können (vielleicht sogar zu müssen, weil man eben diese eine Figur aus diesem Roman von letzter Woche nicht vergessen kann, und was wäre eigentlich, wenn ich einfach mal so wie diese Person...) statt nur einen, das ist unausweichlich direkt proportional verknüpft mit der sozialen Kompetenz.

Heute wurde ich dann überrascht: Mit einem Kollegen, dessen Art und Weise seine Mitmenschen zu verurteilen, in Schubladen zu stopfen und diese eigene Meinung auch noch völlig ungefiltert auf allen Ebenen herauszupullern, ich zutiefst verabscheue, führte ich ein Gespräch über - Bücher. Eine halbe Stunde. Es war richtig angenehm. So erstaunt war ich, dass ich ihm anbot, ihm meine sorgfälig geführte Bücherliste zukommen zu lassen, was er gerne annahm. 


Jetzt frag ich mich die ganze Zeit, wie ausgerechnet dieser Mensch zu dieser Spezies gehören kann, die immer ein Buch auf dem Nachttisch liegen hat, im Flugzeug vor dem Verstauen des Koffers im Gepäcknetz das Buch herausrettet, und sich bei einem Regenschauer während des Stadtbummels in die Bücherei statt ins Cafe rettet.



Wieder was gelernt. Lesen bildet.

Samstag, 21. April 2018

3-Sekunden-Regel

Letztes Wochenende wurde der Liebste ein wenig hinters Licht geführt. Bis Freitagmittag ging er von einem völlig normalen Wochenende aus, an dem wir am Samstag wie die Woche zuvor eine kleine Wanderung unternehmen würden. Stattdessen verbrachte er dann ein Überraschungswochenende mit 15 (!) seiner Jungs in den französischen Alpen. Ich denke, ein Wochenende auf der Reeperbahn hätte mir weniger Sorgen gemacht. Aber unser Trauzeuge wäre nun einmal nicht unser Trauzeuge, wenn er nicht gewusst hätte, womit man T. die größte Freude machen würde: Berge, seine Jungs, Outdoor-Aktivitäten, Bier. Eine unschlagbare Mischung. Einzig die Outdoor-Aktivitäten waren es, die mir ein wenig Sorgen machten - ich vertraute aber dann einfach darauf, dass alle mittlerweile vernünftig genug sind, um vor und während des Downhill-Mountainbikens auf Alkohol zu verzichten (wurde wohl fast eingehalten) und darauf, dass T. noch genug in Übung ist, auch wenn er sich nach dem zweiten Diebstahl seines Mountainbikes kein neues gekauft hatte. Und so war es auch. Ausnahmslos alle haben das mitgemacht, auch wenn klar ist, dass bei 15 Männern auch der ein oder andere dabei ist, dem das nicht so geheuer ist. Einen besseren Liebesbeweis kann ich mir kaum vorstellen. Die sportlichere Gruppe radelte dann einfach noch einmal den Berg hinauf, um die Abfahrt ein zweites Mal zu erleben, während die anderen froh waren, dass sie nur einmal herunter kommen mussten. Am nächsten Tag wurden T. dann noch verschiedene Aktivitäten zur Auswahl gestellt. Er entschied sich für eine Fahrt mit der Gondel auf einen Nachbarberg des Mont Blanc - nicht ohne heimlich im Internet gecheckt zu haben, ob das nicht zu teuer würde, wohlwissend, dass das jeder der Anwesenden für sich selbst, und zusätzlich auch für T. bezahlen würde. Das Internet sagte 15 Euro - im Vergleich zu den anderen angebotenen Aktivitäten preislich im Rahmen. Die große Überraschung kam dann an der Gondel. 15 Euro - allerdings nur bis zur Mittelstation. Die Jungs kauften ohne zu zögern die Tickets für 60 Euro bis nach oben, und T. wäre am liebsten im Boden versunken.  

T. erzählt nun täglich, dass er nicht weiß, wie er sich jemals zu Lebzeiten für dieses Event ausreichend dankbar zeigen kann.

Lange Reder kurzer Sinn: Wir hatten auf dem GPS also noch eine Wanderung in petto, die wir dann heute nachholten.Es war die Grenzroute 3, in die wir am Dreiländereck einstiegen. Hier und da kamen uns ein paar Wege bekannt vor, das war aber gar nicht schlimm. 

Auch der Geul begegneten wieder, und suchten uns auch ein Plätchen an ihrem Ufer für unsere Mittagsrast aus. Ich biss in das erste Viertel meines Brötchens, das ich zu Hause feinsäuberlich mit Hummus, Basilikum, Rauke, Schinken und Eisbergsalat belegt hatte, als mir erst etwas auf den Kopf, dann in die rechte Hand fiel. Mein Gehirn erkannte dann in meiner Hand eine Wespe - dummerweise hielt ich in dieser Hand die offene Tupperdose mit den drei anderen Brötchenvierteln. Und weil ich mich wohl ein wenig erschreckte, machten sie plötzlich einen hübschen Bogen und landeten sämtlich kopfüber auf dem Waldboden. Weil wir beide so verdutzt waren, konnten wir leider auch die 3-Sekunden-Regel nicht berücksichtigen. Stattdessen starrten wir ca 10 Sekunden auf die Brötchen, bis ich T. fragte, ob er noch ein Brötchen für mich übrig hätte (er hatte 2!). Er zeigte auf seinen vollen kauenden Mund und schüttelte mitleidsvoll den Kopf. Also seufzte ich, sammelte meine Brötchen ein und entwaldete sie ein wenig. Wir waren gerade maximal weit weg vom Auto und ein Viertel Brötchen würde mich sicher nicht die verbleibenden 7.5 km weit tragen. T. half dann beim entwalden, fragte, ob ich Rosmarin auf dem Brötchen gehabt hätte, und schwieg, als ich verneinte. Nun gut. Beim weiteren Verzehr guckte ich nicht so genau hin, und siehe da: Es schmeckte genauso gut wie vorher, und auch die restliche Wanderung war sehr erholsam und entspannend. Wir hofften darauf, noch an einem Infoschild über den Staat Moresnet vorbeizukommen, weil wir beide nicht mehr genau die Eckdaten kannten - und siehe da, an der ehemaligen Grenze wurde uns mit Hilfe eines Plakats noch mal auf die Sprünge geholfen (1816-1919 übrigens, und der  heutige Ort Moresnet liegt erstaunlicherweise nicht auf dem ehemaligen Staatsgebiet).

Weil wir nur in La Chapelle an drei Omi-Cafes vorbeikamen, wo ich nicht auf einen guten Cappu vertraut hätte, gab es diesen und für T. ein Bier heute erst am Dreiländereck. Mann, wie viel da immer los ist, das muss eine Goldgrube sein. Mir scheint, die meisten Menschen kommen dort nur zum Pommes-Essen hin, dabei kann man da doch so schön spazieren.

Mittwoch, 18. April 2018

Verbarrikadiert

Nach drei Tagen Audit (es war nur ein Mock-Audit, aber vielleicht gerade umso anstrengender, weil man die ganze Zeit das Gefühl hatte keine einzige Sekunde unaufmerksam sein zu dürfen, selbst wenn es um fremde Bereiche ging, denn es könnten sich ja theoretisch Parallelen zu eigenen Themen ergeben, an denen man im Nachhinein feilen müsste) war ich am Freitagabend extrem stolz auf mich, dass ich das Date mit meiner Freundin nicht absagte, sondern mich sogar richtig freute. Wenn ich mich täglich über 10 Stunden lang mit bis zu 14 Menschen gleichzeitig im Raum befinde, ziehe ich für gewöhnlich zum Ausgleich die absolute Einsamkeit vor. Meine Freundin kennt mich, weiß das und war glaube ich auch ein bisschen überrascht, dass die Absage ausblieb. Nach dem Essen drehten wir noch eine Runde durch die Altstadt und machten das obligatorische Foto vor der magnolienhaften Domkulisse. Jedes Jahr wieder wunderschön. Und noch viel schöner: Mit einer Freundin zu schlendern - hatte ich auch lange nicht. Wieder zu Hause dachte ich, ich würde jetzt einfach 12 Stunden durchschlafen. War dann natürlich nicht so. Mir lief sehr vieles über die Bettdecke, außerdem war der Liebste mittags von der Arbeit entführt worden, um ein spannendes Wochenende mit seinen Jungs zu verbringen, und so war das nichts mit Schlafen. Also noch einen Film geguckt, das half auch nicht. Also noch etwas gelesen und irgendwann ein bisschen eingepennt. Doof, dieser Körper.

In diesen stressigen Wochen habe ich mich so unfassbar über unsere spontane Investition in einen Staubsauger-Robbi gefreut.



Das eine ist ja, darüber glücklich zu sein, nicht mehr staubsaugen zu müssen. Viel entscheidender ist aber die Tatsache, dass ich mich sos unfassbar darüber freue, dass ich diese Investition von vorne bis hinten für sinnvoll halte. Dieses Gefühl habe ich nicht sehr oft. Aber angesichts der Tatsache, dass mich sowohl eine dreckige Wohnung extrem stresst, als auch das Staubsaugen/Putzen, halte ich das für einen sinnvollen Ausweg aus der Misere. 

Am Wochenende schlug dann der Menschen-Overload doch noch durch. Von Samstagmorgen bis Sonntagabend, als der Liebste heimkehrte, sah ich bis auf zufällige Menschen beim Laufen, Spazieren oder beim Bäcker niemanden. Ohne das Telefonat mit meiner Schwiegermutter wäre ich wohl auf nicht mehr als 10 Wörter gekommen (2 x "Ein Brötchen bitte"). Dies glich das Wörterdefizit aber mit 54 Minuten ordentlich aus, während ich auf dem Balkon saß und mir die Sonne ins Gesicht scheinen ließ. 

Als der Liebste dann Sonntagabend heimkehrte, war ich gerade eingeschlafen, wurde aber vom Gerumpel im Flur wach. Er jedoch war so aufgedreht, dass ich es nicht über´s Herz brachte, mich schlafend zu stellen, sondern mir JEDES Detail des Wochenendes anhörte. Es war so schön, ihn so glücklich zu erleben. Wir haben wirklich großartige Freunde und wer, wenn nicht T. hätte es verdient, mit so einem Wochenende überrascht zu werden. Er ist immer der, der bei Umzügen hilft, auch in stressigsten Zeiten Wert darauf legt, Feiern von Freunden wahrzunehmen und immer so großzügig ist - sei es mit Geld oder  Zeit. 

Den Montag hatte ich mir dann spontan auch noch frei genommen, um Überstunden abzubauen. Dies passte insofern wunderbar, als wir abends wieder einmal Freunde zum Bend-Feuerwerk-Gucking eingeladen hatten. Wir können uns da über die Aussicht wirklich nicht beschweren, und sehen es als kleine Entschädigung für die beiden Wochen Kirmes, die Parkplatzsuche und allgemein das Wohlfühlen hier echt schwierig machen. Die Jungs hingen noch ein bisschen in den Seilen und mehr alkoholfreies Bier als sonst war gefragt. Die Häppchen und das Brot verkürzten uns die Zeit bis zum Feuerwerk. Wir spielten auch noch ein Spiel, das war uns allerdings etwas hektisch (kooperativ, alle spielen gleichzeitig) und so legten wir das doch wieder beiseite. Um 22.30 Uhr gab´s dann den erste Knall und das Feuerwerk begann. Wie jedes halbe Jahr frage ich mich: Wie kann sich das rentieren? Wer einmal - wie wir letzte Woche - an einem Dienstagabend über den trostlosen Bend gelaufen ist, hat nicht den Eindruck, dass da Millionen gescheffelt werden. Aber irgendwer wird das wohl mal ausgerechnet haben? 

Die Stresssituation hat sich leider noch nicht gelegt, aber eine 4-Tage-Woche ist besser als eine 5-Tage-Woche. Ich versüße sie mir mit ein paar mal Radfahren zur Arbeit.








 

Samstag, 7. April 2018

Frühlingswanderung

Heute haben wir, wie so viele andere Menschen auch, das erste frühlingshafte Wetter mit einer Wanderung begrüßt. Die Runde war wunderschön, besonders die Strecke entlang der Geul. Wir haben diese Route extra gewählt, weil wenig Wald und viel Sonne (= Vitamin D) angekümdigt waren. So war es. 

Einmal mussten wir vom Outdooractive-Track abweichen, weil eine Wiese mit Lämmchen gesperrt war. Ansonsten läuft man viel über Kuhwiesen, da sollte man also eher keine Angst vor haben. Menschen haben wir gar nicht so viele getroffen, außer natürlich in Gulpen, wo Halligalli angesagt war in den Cafes und Eisbuden.

Trotz 19km gut machbar, da wenige Höhenmeter. Und es gibt viele Einkehrmöglichkeiten. Für unsere Brötchen-Pause haben wir allerdings lange nach einer Bank gesucht zwischen km 8 und 10. Dann sahen wir eine in ca. 500m Entfernung. Als wir ankamen, war sie natürlich besetzt 💣




Donnerstag, 5. April 2018

WMDEDGT 4/2018

Es ist April. Frau Brüllen möchte wissen, was wir an diesem letzten Tag, bevor morgen endlich der Frühling einkehrt, tun. Frau Brüllen fragt diese Frage jetzt schon seit 5 Jahren. Wenn das kein Grund ist mitzumachen?

05:45
Ich wünschte, ich würde noch träumen, aber bei der morgendlichen Gymnastik im Wohnzimmer entdecke ich, wie ich da so auf dem Rücken liege und in regelmäßigen Abständen meinen Oberkörper von der Matte hebe, an der Decke einen kleinen schwarzen Fleck. Noch ohne Kontaktlinsen muss ich aufstehen und näher herangehen. Und meine böse Ahnung bestätigt sich: Eine Dörrobstmotte. Diese Viecher haben mich vor 3 Jahren beinahe in den Wahnsinn getrieben - ausgehend von einer Tüte Haferflocken haben wir zwei mal unsere sämtlichen Lebensmittel wegschmeißen müssen. Seitdem haben wir größtenteils Ruhe, aber jedes Jahr wenn die Temperaturen steigen, schaffen es doch noch 2-3 übrig gebliebene Eier (oder Larven?) aus ihrem Loch hervorzukommen und sich zu einem hässlichen kleinen Falter zu entlarven. Da werde ich echt HYSTERISCH!!!!
Ich bin zu kurz um die Motte zu erreichen, kann aber keine Sekunde länger warten, das Ding zu töten, daher muss der Liebste dran glauben und wird geweckt. 

6:15
Nach dem Duschen höre ich diesen Beitrag zum Thema Psychotherapie-Engpass als Podcast. Nichts Neues, und erst recht keine Lösung leider.  Früher als sonst bin ich heute fertig- wegen zweifellos auch heute wieder anstehendem Besuch im Reinraum spare ich mir das Schminken direkt. Irgendwann gewöhnt man sich dran, und wenn erst einmal alle Kollegen gemerkt haben, dass "Du siehst heute aber müde aus" vielleicht nett gemeint, aber noch lange nicht nett ist, wenn es daran liegt, dass die Angesprochene keine Mascara trägt, sagen die das auch nicht mehr so oft. Ich glaube 3/4 meiner Kollegen haben es jetzt letzte oder diese Woche zu mir gesagt - bald ist es also geschafft. 


7:00
Im Büro angekommen, kümmere ich mich direkt darum, die Präsentation zum Kaizen letzte Woche fertig zu kriegen. Ich bin sehr froh, dass ich mir zwischendurch immer aufgeschrieben habe, was wir am Tag gemacht haben. 4 Tage Workshop mit 14 Leuten sind einfach sehr viel! Oft wusste ich abends nicht mehr, wie der Tag begonnen hatte. 

9:00
Wochenmeeting mit den Laboranten. Sehr unspektakulär.

10:00
Zeit für einen zweiten Kaffee.  Präsentation fertig machen. Jetzt die Action Items Liste. Das ist der unangenehmere Teil der Kaizens - Viele Leute finden auch viele gute Ideen. Die, die wir schon im Kaizen in Kategorie A (einfachimplementierbar, hoher impact) eingeordnet haben, sollen zeitnah umgesetzt werden. Die Verantwortlichkeiten haben wir zwar schon geklärt, aber mir fällt nun der Job zu, zuzusehen, dass das auch passiert. 

12:00
Mittagspause mit allen, inkl. der Praktikantin, die mir für drei Wochen gegenübersitzt und alle 30 Sekunden gähnt. Trantüte. Als mein Kollege gerade eine Story über die Katze seiner Schwägerin erzählt, sagt er "ich mag Katzen nicht, ich komm mit deren unkalkulierbarem Verhalten nicht klar". Die Praktikantin sagt daraufhin "Haha, wie kommst du denn dann mit Frauen klar?" Darauf geh ich etwas steil. Na klar, wir brauchen Frauen, die Maschinenbau studieren. Man muss damit aber nicht gleich das Klischee raushängen lassen, alle anderen Frauen seien unkalkulierbar. Wenn man sich selbst von Anfang an als Ausnahme ansieht, weil man in einem Männerberuf arbeiten will, stärkt nicht gerade die Position von Frauen in diesen, sondern hat den Charakter einer selbsterfüllenden Prophezeiung. Als mein Kollege fragt, was ich denn von ihrem Kommentar über die Geschlechtsgenossinnen halte, kann ich mir nicht verkneifen, dass sie ja offensichtlich nur über genau eine Frau sprechen kann - über sich selbst. Hat sie aber nicht verstanden ;-)

14:00
Ab jetzt dann wirklich Reinraum. Das Gute ist ja, dass das Einschleusen bei mir jetzt nur noch 5 Minuten dauert. War ich lange nicht mehr drin, kann das auch mal 15 Minuten dauern, weil ich mich so unsicher fühle, dass ich jeden Schritt einzeln noch mal mit der Instruktion abgleiche. 

16:30
Feierabend! Auf dem Heimweg hole ich mir noch ein Brötchen und Rucola. Die Parkplatzsuche gelingt - zwar ist noch Öcher Bend, aber immerhin nicht Familientag, der die Situation hier echt unerträglich macht. 

20:00
Nach dem Essen steht zur Debatte, was wir jetzt noch machen. Gestern haben wir die letzte Folge der ersten Staffel Fargo geguckt. Wir sind unglaublich begeistert, trotzdem haben wir heute beide keine Nerven, die neue Staffel anzufangen. Erst wurschteln wir daher durch alle Sender, um festzustellen, dass wir dabei bleiben, normales Fernsehen nur für den Tatort anzuschalten. Dann entschließen wir uns eine Runde Schach zu spielen. Dabei machen wir uns David Gilmour an und sitzen auf der Couch. Dank Ipad kann man beim Schachspielen ja auch nebeneinander sitzen :-)
Ich verliere wie immer, schaffe es aber immerhin zwei mal mit ein paar im Voraus geplanten Zügen wertvolle Figuren abzugraben. Völlig nichtsahnend laufe ich dann aber in blödste aller Fallen. Einen Bauern kann ich nicht mehr aufhalten, zu meiner Seite durchzudringen. Dass er sich dann in eine Dame verwandeln wird, war mir klar - nicht aber, dass das mein Schachmatt bedeutet.

22:00 
Bettzeit. Ich lese weiter in "Am Ende bleiben die Zedern", von Pierre Jarawan. Das Buch gefällt mir unglaublich gut. Und sogar noch mehr, seit ich seine sympathischen Poetry Slams gefunden habe.

Montag, 2. April 2018

Sei doch endlich mal normal!

Als es im WDR 5 neulich um Glaubenssätze ging, wurde mir einmal mehr klar, dass der meine leider dieser ist "Kannst du nicht einmal normal sein?". Wie so oft sind die Dinge noch nicht so raumeinnehmend, solange sie noch laut ausgesprochen werden. Zwar erinnere ich mich auch heute noch sehr gut daran, wie unangenehm es sich anfühlte, wenn meine Mutter (oder seltener mein Vater) diesen Satz aussprach. Größtenteils bezog sich das auf Situationen, in denen ich (oder meine Schwester und ich) mich nicht so verhielt, wie es aus ihrer Sicht andere normale Kinder taten (im Nachhinein wirklich witzig, denn andere Kinder zu Vergleichszwecken hatten sie ja noch nicht großgezogen...). Zum Beispiel habe ich immer schon gerne gelesen und habe keinen Anlass gesehen, mich jeden Tag nach der Schule mit Freundinnen zu verabreden. Ein-, zweimal pro Woche reichte mir. Als ich im Gymnasium dann am ersten Tag auf dem Platz neben einem Mädchen landete, mit dem ich schnell eine enge Freundschaft aufbaute und in dessen Familie ich mich unglaublich wohl und geborgen fühlte, wurde es ein bisschen mehr. Wir gingen zusammen Inlineskaten, Shoppen, machten die Hausaufgaben zusammen und am Wochenende übernachteten wir beieinander. Später kamen die monatlichen Ü14-Parties hinzu, und ich fuhr mit der Familie auch in den Urlaub. Klingt alles ziemlich normal, oder? Ich war fein raus und fortan stand meine Schwester im Fokus mit ihrer Unnormalität. Ihre einzige Freunschaft war eingeschlafen, und so verbrachte sie die Nachmittage mit unseren Kaninchen spielend, malend oder kochend. Die Bedürfnisse, die meine Schwester und auch mich ein bisschen unnormal erscheinen ließen, wurden von meinen Eltern nicht hinterfragt. Die Unnormalität, die ich aber z.B. in Schuldingen aufwies wurde dagegen gerne hingenommen: Wen stört es schon, wenn die Tochter nur Einser nach Hause abliefert, und nicht ein einziges mal in 13 Schuljahren die Notwendigkeit besteht, Hausaufgaben zu überprüfen? Unnormalität hatte also ihre Kategorien, nicht einmal hier waren meine Eltern konsequent. 
Mit der Trennung meiner Eltern wurde meine erarbeitete Normalität durcheinander gewürfelt. Ich wurde krank, verlor Freunde, gewann neue Freunde, zog in eine eigene Wohnung, in der ich noch ein bisschen mehr und früher als andere die Möglichkeit hatte, eigenbrötlerisches Verhalten zu manifestieren.
Die Vorwürfe meiner Mutter waren seitdem unterschweliger Natur - so oft war sie auch nicht da ;-) - als hätten diese aber eine ganz bestimmte Frequenz gehabt, scheinen sie sich jedoch umso besser eingebrannt zu haben. 

Um mir heute - ausgenommen natürlich jedes selbstzerstörerische oder kranke Verhalten - meine kleinen Unnormalitäten zu gewähren ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, daran muss ich immer noch hart arbeiten. Gleichzeitig weiß ich auch, dass ich - wie wahrscheinlich jeder Mensch - ohne das Gefühl, mich von anderen durch diese oder jene Eigenschaft abgrenzen zu können, nicht zufrieden wäre. 
Die Last, die solche Glaubenssatz darstellen, wiegt geringer mit den richtigen Leuten an der Seite. Wofür normal sein, wenn die richigen Menschen mit meinen Unnormalitäten gar kein Problem haben?
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