Dienstag, 4. Juli 2017

Things that make you go "hmmmm" (2)

Samstag war Polterabend bei Freunden. Ein Polterabend ist der nette Kompromiss, der auch diejenigen in die Feierlichkeiten einbezieht, denen für die eigentliche Hochzeit - bedingt durch Budget, Platz, Rahmen, unausgesprochenen Zwist und hassenichgesehen - keine Einladung ins Haus geflattert ist. Eine nette Sache, die wir im Freundeskreis noch nicht hatten. Da das Brautpaar nun aber vor 2 Jahren ein Haus direkt gegenüber dem der Eltern gekauft hat, gab es allein schon mit den Nachbarn, die die Braut schon im Bobbycar die Straße runtersausen haben sehen, genug Kandidaten, die in die oben genannten Kategorien passten. Zusammen mit den wirklichen Hochzeitsgästen, die natürlich ebenfalls geladen waren, ergab sich eine wilde, aber anregende Mischung. 

Zwei Gespräche, die mich als Nur-Lauscherin eigentlich nicht, aber irgendwie doch betrafen, spuken mir seitdem im Kopf rum. Vermutlich weil beide zeigen, wie einschränkend das eigene Denken, aber auch das vermeintlich professionell ausgebildeter Menschen sein kann. 

Die erste Situation ergab sich, als ich mit einigen Freunden zusammenstand - noch in der Nähe des Buffets, um immer mal wieder was snacken zu können. Neben unserer Runde stand ein älteres Ehepaar ziemlich grumpy in der Ecke. Nachbarn, nahm ich an. Wahrscheinlich die, vor denen sich die Braut als kleines Mädchen lieber in Acht nahm, um keine Standpauke wegen schief geworfener Bälle oder zu lautem Lachen zu kassieren. Die beiden beratschlagten ewig, ob und wenn ja was man denn vom Buffet wohl essen könne. Sehr lustlos sahen sie dabei aus. Wenn sie was probieren würden, dann höchstens, um im Anschluss über das Gegessene stänkern zu können, wettten? Da kam der kleine Bruder des Bräutigam, der gar nicht so klein ist und dem ich mehrere Jahre nicht glauben mochte, dass er tatsächlich der kleine Bruder ist (ich weiß, im Nachhinein gar kein so tolles Kompliment, das ich damit ausdrückte) vorbei, und stellte sich den beiden vor. Jetzt wird´s spannend, dachte ich bei mir: Absolute Liebenswürdigkeit mit im Studium geprägter Berliner Schnauze und nie um einen sehr ehrlichen Spruch verlegen, trifft auf ein missmutiges Ehepaar, das sich wohl eher auf die heimische Couch wünscht. Der kleine Bruder des Bräutigam wirft ein Auge auf die vor lauter Zauderei schon knittrig werdenden Pappteller in den Händen der beiden und empfiehlt den Bulgursalat. Er schwärmt von den Granatalpfelkernen, die er zuvor noch nie gegessen habe, und erklärt - etwas holperig, ein großer Gourmet ist er sonst nicht - dass er niemals nieeee gedacht hätte, dass sich Minze nicht nur im Mojito gut machen würde. Er sei schon das dritte mal am Buffet, nur wegen des Salats.
Und jetzt passiert das Unglaubliche. Der eben noch so alte grumpy Herr nimmt vom Bulgursalat, macht "hhhmmmm, leeeecker" und beginnt, als hätte die Würze des Salat etwas in ihm geweckt, zu erzählen. Der Bulgur lenkt seine Erzählung nach Syrien, woher der Junge kommt, dem er bei den Hausaufgaben hilft, dem er ein Fahrrad besorgt hat - und zuletzt ein Praktikum im Betrieb eines Freundes.
Später am Abend seh ich ihn beim Bier inmitten der Schulfreunde des Bräutigam. Er wirkt plötzlich ganz jung. Oma hat er nach Hause geschickt - oder sie tanzt mit den Mädchen in der Garage. Noch mal fall ich nicht so schnell auf meine Meinung ein.

Die zweite Geschichte.

Kennt man Freunde lang genug, kennt man irgendwann auch die Freunde der Freunde so gut, dass man nicht mehr sicher ist, ob es schon die eigenen Freunde sind. 
Dieses Mädchen ist so ein Fall, super für Small-Talk, wenn wir uns auf einer Feier wiedersehen, nett, klug, lieb. Ich nenne sie Kira.
Ich sitze daneben, als sie mit einer weiteren Lehrerin an unserem Tisch ins Gespräch kommt. Kira, die, als wir uns vor etwa zwei Monaten zuletzt sahen, damals gerade erst an einer Schule für Kranke angefangen hatte zu arbeiten, zieht mein Aufmerksamkeit an, denn heute Abend haben wir noch nicht gesprochen, und ich bin aus Gründen neugierig, wie es ihr ergangen ist. Sie berichtet zunächst, was ich schon weiß: dass ihre Schüler langfristige Klinikaufenthalte absolvieren auf Grund psychosomatischer Erkrankungen und die Klinikschule besuchen, um wenigstens ein bisschen den Anschluss zu behalten. Die Kinder sitzen bunt gemixt in einer Klasse, von 8 bis 18 Jahren. Jeden Tag haben sie vier Unterrichtsstunden. 
Alle am Tisch würdigen die herausfordernde Aufgabe, diese unterschiedlichen Kinder - nicht nur vom Alter - gemeinsam zu unterrichten, den Kontakt zu den Lehrern zu Hause herzustellen, die Schüler, die weitaus größere Sorgen haben als die neuesten Englisch-Vokabeln trotz allem zu motivieren und und und... "Sind denn alle Kinder so schwierig?", fragt die nun etwas stiller und demütig gewordene Gymnasiallehrerin mit eigener 8. Klasse. "Ja, das ist halt Endstation, die sind echt gestört, der quasi letzte Rest der Gesellschaft". Stille breitet sich aus. Da fügt sie hinzu: "Na gut, es gibt immer ein paar Anorektikerinnen, die überall Eins stehen und schon immer wissen, was in der Heimatschule am Tag vorher gelernt wurde. Mit denen hast du echt keine Arbeit."
 

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