Donnerstag, 6. Juli 2017

Stigma *

Ich hänge mit den Gedanken noch immer der Geschichte vom letzten Samstag nach. Eigentlich mag ich keine Mission haben, immerhin habe ich mit mir selber immer noch genug zu tun. Gerate ich dann aber in so eine Situation, in der deutlich wird, dass wir auch in Kreisen eigentlich so weltoffener gebildeter junger Menschen noch so unfassbar weit entfernt sind von einer aufgeklärten Sicht auf psychische Erkrankungen, will ich es mir manchmal anders überlegen. Vielleicht ist dieser Blog eh schon ein Schritt in diese Richtung, auch wenn ich genieße, hier über alles und nichts zu schreiben. Aber wenn an einem Tisch, an dem so viele kluge Menschen sitzen, einzig von der anwesenden Psychologin, einer guten Freundin von mir ein seufzendes "Du weißt schon, dass das Krankheiten sind", kommt, und alle anderen schweigen, haben wir wirklich noch was zu tun.

Dass jemand, der professionell mit Kindern arbeitet, die an psychosomatischen und psychischen Krankheiten leiden, sich so abwertend über diese äußert, ist sicherlich der Ausnahmefall. Normalerweise denke ich, dass Menschen, denen man die Entstehung, Bedeutung, mögliche Behandlungen, etc. von diesen Krankheiten erklärt, und erst recht solche, die in diesem Bereich tätig sind, dies sehr wohl verstehen und auch in Verhalten umsetzen können. Vielleicht war es auch nur ihr Party-Spruch, den sie immer bringt, weil sie weiß, dass sie damit ein bisschen schockiert, ein paar Lacher hervorruft und Aufmerksamkeit sowieso. Vielleicht lag sie später im Bett und ärgerte sich darüber, nicht die Chance ergriffen zu haben, sich über ihre Schulklasse differenzierter zu äußern und somit vielleicht ein wenig zur Aufklärung beigetragen zu haben. 

Mir scheint, das Verstehen - nein, es reicht schon wenn nur angefangen wird, Fragen zu stellen - beginnt erst dann, wenn nahe Angehörige betroffen sind. Offenbar muss man mit eigenen Augen gesehen haben, wie jemand aus einem stabilen Leben heraus ohne Vorwarnung eine psychische Krankheit entwickelt, fast wie eine Grippe, Rückenschmerzen oder Krebs. 

Erst dann kann man beobachten: Was so plötzlich kommt, kann geheilt werden. Mal schneller, mal langsamer, mal durch Gesprächstherapie, mal durch Medikamente. Manchmal ist keine Heilung möglich. Aber selbst dann gibt es oft noch ein lebenswertes Leben. Jeder dieser Menschen braucht wie jeder kranke Mensch neben einer speziell abgestimmten Therapie etwas anderes. Manche brauchen Hilfe im Alltag, weil die Kraft selbst für den Supermarkt fehlt, manche nur eine Umarmung. Auch ein Arschtritt kann ab und zu die Richtung weisen. Vielleicht hilft Musik? Sicherlich aber ein verständnisvoller Arbeitgeber. Oder ein Glas Wein mit Freunden. Eine Hand, die im Vorbeigehen kurz die Schulter klopft, eine whatsapp zur richtigen Zeit. Der eine will seine Ruhe, der andere nicht allein sein. 
Nur was sie nicht brauchen, haben sie gemein: ein Stigma. 

Stigma, das: etwas, wodurch etwas oder jemand deutlich sichtbar in einer bestimmten, meist negativen Weise gekennzeichnet ist und sich dadurch von anderem unterscheidet (Quelle: duden.de)

Kommentare:

  1. Stimmt. Stimmt genau.
    Schönen Abend, Slo

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    1. Schön, dass es jemanden gibt, der meine Meinung teilt. Mögen es noch sehr viele mehr werden!

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