Sonntag, 9. April 2017

Extra-Geburtstag

Einmal im Jahr habe ich meinen eigenen kleinen Feiertag. Meistens bleibt er gänzlich unbeachtet, manchmal erinnere ich mich erst im Laufe des Tages, wenn ich das Datum irgendwo geschrieben sehe. Seit sechs (?) Jahren ist das Datum auch der Hochzeitstag meines Bruder, so ist die Wahrscheinlichkeit gestiegen, dass ich den Tag zumindest in einem kleinen Teil meines Kopfes zur Kenntnis nehme, und wenn es nur "Ah ja, der neunte April" ist. Heute hat aber sogar meine Schwester dran gedacht und mir Grüße gesendet zu meinem "Extra-Geburtstag". Wenn ich so darüber nachdenke ist es wirklich seltsam, dass ich ausgerechnet mit dem Überbleibsel der Herz-OP am 9. April vor nunmehr 26 Jahren nie gehadert habe. Dabei gibt es so gut wie keinen Körperteil, keinen Quadratzentimeter meines Körpers, der nicht im Laufe der Jahre einmal (oder öfter) schon extremer bis exzessiver Analyse auf Normalität unterlegen hätte. 
Aber diese echt nicht allzu kleine Narbe, geschätzte 15cm lang (ich habe nie gemessen!), die aus quasi jedem Shirt nach oben herauslugt, ganz zu schweigen von freizügiger Kleidung oder Bikinis, hat mich nie nie nie gestört. Nicht ein einziges Mal habe ich mir gewünscht, sie wäre nicht da. Ob das daran liegt, dass ich keine Erinnerung an eine Zeit ohne sie habe? Witzigerweise bezieht sich nämlich meine erste zuordbare Erinnerung auf das Spielzimmer im Kinderherzzentrum Bad Oeynhausen, wenige Tage vor der OP zwischen Voruntersuchungen und Blutabnehmen, mit Bauklötzen spielend und mit meinem Walkman Rolf Zuckowskis "Ich schaff das schon" in Endlosschleife hörend. Auch wenn ich vermute, dass mir ein kluger Erwachsener damals dieses Lied zur Hymne gemacht hat, find ich, dass das für ein 3-jähriges Kind schon ziemlich cool ist 😎. Jedenfalls, wenn das meine erste Erinnerung ist, ist das wohl die einzige, in der ich noch keine Narbe hatte, und es ist insofern kein Wunder, dass sie von meinem Gehirn so akzeptiert wurde wie ein Arm oder ein Ohr.
Daher bin ich immer noch etwas überrascht, wenn ich von Menschen, die ich noch nicht lange kenne, auf die Narbe angesprochen werde. Lustig finde ich, dass es eine gewisse Zeit dauert, weil gerade Männer damit ja zugeben müssen, mir auf die Brust gestarrt zu haben. Aber irgendwann gewinnt dann doch die Neugier, was ich übrigens völlig ok finde. 
Auch wenn ich trotz jahrelanger Gewissheit, Medizin studieren zu wollen, dies letztendlich nicht getan habe, aber mit vollem Bewusstsein jetzt in der Medizintechnik gelandet bin:
Wenn ich einen Wunsch frei hätte, würde ich sehr gerne einmal bei einer ähnlichen Herz-Operation live dabei sein - und mir im Anschluss erklären lassen, was sich in den vergangenen über 20 Jahren an der Technik getan hat.
 
 
 

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