Freitag, 18. August 2017

Talk to me!

Ich habe bei Roza ihren Cousin kennen gelernt. Und jetzt ein Loch im Bauch. 

Was arbeitest du, wie lange am Tag, oh du hast ein Auto, welches, was mache ich, wenn ich in der Uni den Professor nicht verstehe, was macht dein Freund, glaubst du Pharmazie ist gut zum Studieren, wo kann ich arbeiten außer in der Apotheke, glaubst du meine Noten reichen, was machst du nach der Arbeit, welchen Sport, wie heißt dein Freund....

Ich spreche gerne mit dir, sagt er, als ich mich verabschiede. Ich würde so gerne viel mehr mit Deutschen sprechen, aber ich habe das Gefühl, die Menschen auf der Straße mögen es nicht, wenn ich sie anspreche. Ich habe es ein paar mal probiert, aber manchmal glaube ich, sie haben Angst vor mir?

Mir fällt es sehr schwer, darauf eine Antwort zu finden. Und nach dem lockeren Schwätzen zuvor ist meine Pause nun viel zu lang. 
Bitte versuche es weiter, beschwöre ich ihn. Auch wir Deutschen können uns ändern. 

Also. Wenn Sie auf der Straße ein netter junger syrischer Mann anspricht, einfach so weil er einen Gedanken teilen will oder Sie auf einen besonders schönen Himmel aufmerksam machen will, geben Sie ihm eine Chance. Zeigen Sie ihm, dass die Offenheit gegenüber Menschen, die er in seiner Heimat gelernt hat, hier willkommen ist. So wie er.



Donnerstag, 17. August 2017

Things that make you go "hmmmm" (3)

Und dann sagt meine Schwester doch tatsächlich "Ich kann Mama ja mal fragen, ob sie dich sehen möchte", und ich bin nur noch so müde, ihr erklären zu wollen:

Ich warte nicht mehr. Nicht auf die Beantwortung von E-Mails, nicht auf Anrufe. Nicht darauf, dass sie vor meiner Tür steht. Nicht einmal jetzt, da uns statt 10.000km nur 100km trennen, gerade eine Zugfahrt, sogar ohne Umsteigen. Ich erwarte nicht mehr, dass sie die Menschen kennt, die ich liebe. Erst recht nicht, dass sie sie mit Respekt statt Neid behandelt. Ich erwarte nicht mehr, dass meine Worte zu verstehen versucht werden statt verdreht zu werden. Denn es hat keine Worte mehr.
Ich erwarte keine Entschuldigungen mehr, schon gar nicht mehr echte. Ich warte nicht auf Liebe, nicht auf Erklärungen, nicht auf Bestätigung, dass ich ok bin. Ich warte nicht mehr auf die Wandlung eines waswärewenn in ein soisses.
Ich erwarte keinen gemeinsamen Frieden, aber auch nicht mehr  
j e d e r z e i t die Eskalation. 


Ich gewöhne mir das Warten einfach ab. Das Warten und Erwarten. Entwöhnung ist Arbeit, das weiß jeder, der vielleicht das Rauchen jemals aufgab, die tägliche Chips-Tüte von seinem Arzt verboten bekam, oder endlich nicht mehr an den Fingernägeln kauen will. Und erst recht, wenn das zu Entwöhnende die Hoffnung ist? Die kann man im Supermarkt nicht einfach meiden. Egal welche Motivation den Antrieb darstellt: Das für so lange Zeit Gewohnte hinterlässt eine Lücke, die gefüllt werden muss. Zwanghaft entzogen von außen aber zu spät bemerkt bleibt viel Platz für ungesunde Coping-Mechanismen.
Aber langsam, bewusst und aktiv bis zu voller Größe aufgedehnt, füllt sich die enstandene Lücke fast wie von allein mit ganz viel Leben.

Mittwoch, 16. August 2017

Moselradweg - rückblickend

Auf die Gefahr hin, dass ich mit dem Vergleich einen Shitstorm aller gebärt habenden Mütter ernte, aber: ich stelle mir das mit der Geburt so ähnlich vor wie bei einer sehr, sehr starken körperlichen Beanspruchung: Im Nachhinein ist alles rosig und schön und wunderbar und jede Qual vergessen. 
Wer sich also durch meinen Bericht oder die Fotos angeregt fühlt, diese Tour ebenfalls in Angriff zu nehmen, der sei gewarnt: Jegliche Schilderung unterliegt dem Einfluss der After-Sport-Euphorie von drei Tagen sowie der Tatsache, dass der heute wieder eingekehrte Büro-Alltag reichlich schlecht abschneidet im Vergleich zum Dauerradeln. Gleichzeitig aber kann ich nur sagen: Machen!! Das Gefühl, gemeinsam als Paar und mit dem Rad eine richtig große Distanz hinter sich zu bringen (und zwar von A nach B statt im Kreis) sowie dabei die meiste Zeit eine wunderbare Landschaft um sich herum zu haben, sollte man erlebt haben. 

Aber von Anfang. 
Nach 963 Tagen Wartezeit löste ich endlich ein Weihnachtsgeschenk des Liebsten ein. Im Nachhinein war es vielleicht gar nicht so verkehrt, dass wir die Tour sowohl 2015, als auch 2016 wegen Wetter schon einmal canceln mussten (zum Glück hatten wir bei den Hotels immer auf kostenlose Storno geachtet) denn körperlich wäre die Tour 2015 wohl für mich eher lebensgefährlich, und auch 2016 noch grenzwertig gewesen. 

Dieses Wochenende passte dann alles. Hatte es bis Samstagabend in Aachen noch Bindfäden geregnet, sah es Sonntagmorgen, als wir um 7.30 Uhr im Auto saßen, schon viel besser aus. Auch die Fahrräder passten in unseren Fuzzi, was wir noch am Samstag ausprobiert hatten (Plan B wäre komplett Zugfahren gewesen). So kamen wir also - bestens vorbereitet mit einer mehr als spontan ausgeliehenen Fahrradtasche - gegen 9 Uhr in Koblenz an. Hier parkten wir auf einem Park&Ride-Parkplatz, bauten die Räder zusammen, testeten noch mal die Bremsen und fuhren dann die ersten 3 Kilometer bis zum Hauptbahnhof. Ich weiß, das sagt jeder: Aber wenn ICH mal Bahn fahre.... dann schleppen wir unsere Räder auf den vorgesehenen Bahnsteig, um dann eine Minute vor der Einfahrt des Zuges durch die nette Lautsprecheransage hingewiesen zu werden, dass der Zug heute von einem anderen Bahnsteig verkehre. Also alles wieder runtergeschleppt, und am anderen Bahnsteig wieder hoch. Juhu. Beinahe pünktlich kamen wir dann tatsächlich los, und eine gute Stunde später waren wir in Trier. Ab hier nur noch per Muskelkraft. Das obligatorische Selfie an der Porta Nigra ließen wir uns natürlich nicht nehmen, ehe wir uns dann dem vom Garmin vorgegebenen Pfad zuwandten.



Nach wenigen  eher unangenehmen Kilometern durch die Stadt, ein Industriegebiet und ein Waldstück lag sie dann vor uns: Die Mosel. 
Relativ schnell bemerkte ich, dass die Ankündigung des Liebsten "Das geht die ganze Zeit bergab" n meinem Kopf anders ausgesehen hatte, als es die Wirklichkeit dann hergab. Die meiste Zeit ist die Strecke tatsächlich sehr flach, aber ohne Treten geht es kaum einen Meter voran (außer man hat eben vorher mal einen kleinen Hubbel erklommen, den man dann herabsausen kann). Insgesamt also eine stetige, aber gerade gut erträgliche Belastung. Im Laufe des Tages gestand der Liebste mir, dass "bergab" sagenhafte 50m auf 200km Mosellauf bedeutet.... naja, ich hatte  halt nie weiter nachgefragt - selbst schuld ;-)

Rückblickend hat mir dieses erste Stück Mosel, kurz hinter Schweich, am besten gefallen. Viele kleine Dörflein, viel Wein, den man quasi testen könnte, wenn man die Hand danach ausstreckte, kaum mal Passagen nah an einer Straße, sondern immer nah am Fluss. Irgendwann suchten wir uns eine hübsche Bank, inmitten von Weinreben, mampften unsere Brötchen und erholten uns ein wenig. Nach ca. 40km gab es dann bei mir eine leichte Unterzuckerungs-Unlust, sodass mir ein Cappuccino spendiert wurde, der netterweise noch mit einem gratis Mini-Stückchen Käsekuchen daher kam.



Die letzten 25km bis Bernkastel-Kues schwebte ich quasi dahin, denn den schmerzenden Popo hatte ich zu dem Zeitpunkt schon längst ausgeblendet. 
Bernkastel Kues. Ja. Das ist hübsch. So hübsch, dass es von Touristenmassen überschwemmt ist. Unser zentral gelegenes Hotel Burgblick war jedoch absolut empfehlenswert. Wir hatten einen netten Empfang, ein schönes Zimmer, und: Eine Nespresso-Maschine zur kostenlosen Nutzung auf dem Flur. Läuft. 
Nach einer Dusche und einem Espresso fühlten wir uns dann gestärkt genug, um ein Restaurant aufzusuchen - wir entschieden uns für Christianas Wein Art Hotel, das ein Steak House beherbergt und kamen auf die glorreiche Idee, statt den direkten Weg doch lieber an der Mosel entlang zu gehen. Die 40 Minuten Fußweg hätte ich persönlich jetzt nicht mehr gebraucht nach dem Tag, aber naja man gönnt sich sonst nix... Das Essen war lecker, Ofenkartoffel für mich, Steak für den Liebsten, und sehr gesättigt gingen wir dieses mal auf dem  direkten Weg zurück ins Hotel. 
Noch ein bisschen lesen und beim Einschlafen denke ich, dass es niemanden gibt, mit dem ich lieber auf Reisen bin als T. Und wie  glücklich ich sein kann, dass er mich immer wieder aus meiner Komfort-Zone schubst.

Das Frühstück beginnt ...laut. Im winzigen Frühstücksraum mit ca. 5 Tischen hat sich gerade eine Reisegruppe aus China breit gemacht. Es herrscht Gewusel, Lärm und Unruhe. 
Zum Glück weist uns die Inhaberin einen Tisch im Separee zu, wo es etwas ruhiger ist. Sie entschuldigt sich für den Lärm und fragt nach unseren Wünschen. Kaffee für mich, Rührei für den Liebsten. Derweil suche ich am Buffet Frischkäse, werde zu meinem Entsetzen nicht fündig, und komme so dazu zu überblicken, wie wnderbar das Buffet ist. Es gibt eine tolle Auswahl an Antipasti, selbstgemachte Marmelade, diverse Backwaren, Kuchen, frischen Obstsalat und und und. Ich greife mal zu Schinken, pimpe den auf meinem Körnerbrötchen mit Honig-Dill-Sauce, Tomätchen und Gurke und bin happy. Nur der Kaffee ist Mist, Nespresso war das wohl nicht :-) 
Das 4-Gänge-Früchstück des Liebsten lässt mich befürchten, dass er erst mal zwei Stunden Bettruhe zum Verdauen benötigt, aber tatsächlich kommen wir gg. 9.30 Uhr los. 

Die ersten paar Kilometer tun wirklich weh, am Popo, in den Beinen und Schulter. Dann haben wir uns eingegroovt. Nur die Erkenntnis, dass wir entgegen meiner Erwartung heute nicht 70 sondern 85km fahren müssen, nervt ein wenig...
Heute gibt es wieder viele nette Flecken Deutschland zu bestaunen, ob Weinberge, Wiesen, Flusswindungen, oder aber hübsche Dörfer, in denen die Zeit still gestanden hat. Im Heimatort meines ehemaligen Kollegen, Traben-Trarbach, sende ich ihm einen Gruß. Müsli-Riegel-Pausen-Zeit.

In Enkirch passieren wir die Weingüter zweier Familien von Freunden und legen kurze Zeit später noch einmal eine Pause ein. Für mich gibt es einen leider schlechten Cappu, der Liebste ordert Weinschorle und Heidelbeertorte - die Kombi ist zwar eher ungewöhnlich, aber hey: Einfachzucker und Alkohol. Nur wenige Meter fährt er Schlangenlinie, danach geht´s eigentlich wieder.

Die letzten 25km fahren wir stur durch. Bis dato waren meine längsten Fahrradtouren so 40km. Ich kann nicht fassen, dass wir dann nach 85km in Cochem einlaufen. 
 
Entgegen meiner Vorstellung scheint Cochem nicht viel größer als Bernkastel Kues zu sein. Unser Hotel, auf der anderen Seite der Brücke, ist in einem niedlichen Fachwerkhaus. Wir haben das Zimmer unterm Dach, wo es leider sehr warm ist und ein Wespennest das Lüften behindert. Also schnell geduscht und was zwischen die Kiemen. Wir wählen das best bewertete Restaurant auf tripadvisor, einen Griechen, und mein Antipasti-Teller ist wirklich hervorragend! Meine Knoblauchfahne im Anschluss vermutlich auch ;-)
Trotz sehr weicher Betten schlafen wir beide sehr, sehr gut. 

Zugegeben: Landschaftlich verliert die Strecke an Reiz, je mehr man sich Koblenz nähert. Tag 3 verläuft einen Großteil der Strecke entlang der Bundesstraße. Mit Müh und Not finden wir ein hübsches Plätzchen für unsere (einzige) Pause. 47km heute nur, lächerlich :-) 

Als wir in Koblenz den Park&Ride-Parkplatz erreichen, fängt es an zu regnen...Keine Sekunde zu spät haben wir die Räder auseinander genommen. Im Auto freuen wir uns über die darin gelagerte Flasche Mineralwasser und der liebste tankt noch Kalorien bei Burger King. 
Ich rufe auf zum Nachmachen - auch nach Abzug der Euphorie unterliegenden Übertreibungen!