Sonntag, 23. April 2017

Fenchel for president

In Zeiten, in denen jeder und alles Präsident werden kann, muss ich mich hier für die Nominierung des Fenchel einsetzen. Der Fenchel ist meines Erachtens ein unfassbar unterschätztes Gewächs. Kannte ich ihn bis vor ca. 5 Jahren bloß in Form von Tee als Medikation meiner ständigen Bauchweh, gehört er nunmehr neben Zucchini und Aubergine zu den meistverwendeten Gemüsen in meiner Küche. Und ich habe den Kampf aufgenommen, für ihn einzutreten und zu missionieren: Yes, Fenchel can!

Angefangen hat es mit dem Rezept aus meinem hochgeschätzten Lieblings-Kochbuch "Die echte italienische Küche". Dieses Buch hat eine ganz besondere Bedeutung für mich. Mein Vater hat sich anhand dieses Buches, nachdem meine Mutter weg war, das Kochen beigebracht. Das bot sich insofern an, als meine in Italien geborene Tante, seine Schwägerin, dieses Buch in und auswendig kannte und jederzeit bereit war, telefonisch Unterstützung zu erteilen, sollte es irgendwo haken. Erinnern wir uns gemeinsam an meinen Vater, erzählt zuverlässig (mindestens) ein Familienmitglied die Geschichte, da er meine Tante verzweifelt anrief und fragte, wie er denn bitte ohne jegliche Gramm-Angabe ein Bund Petersilie "feinwiegen" solle. Auf vielen Seiten dieses Buches finden sich also die Post-Its und Anmerkungen meines Papa, die von zunehmend mehr Koch- und Back-Veständnis zeugen, und das schließlich in die Bezwingung der Kuppeltorte ("Sahnesteif!!!!!!!!!!!!!"; "200g statt 100g Schokolade für die Glasur") mündete.

Dass meine Schwester, die auch sehr gerne kocht, mir nach seinem Tod dieses Buch überließ, hat mich damals sehr glücklich gemacht, und freut mich noch immer im Alltag.

Das Rezept also, das mir den Fenchel erstmals schmackhaft machte, stammt aus diesem Buch. Auch hier war es meine italienische Tante, die mich auf das Rezept aufmerksam machte. Sie und ihr Mann, der Bruder meines Vaters, sind die besten Köche, die ich kenne, und so probierte ich das Rezept etwas zögerlich aus. Es handelt sich um gratinierten Fenchel. Auf einer Tomatensauce wird der leicht vorgegarte Fenchel gebettet, und dann kommt der Clou: In der Pfanne werden Semmelbrösel angeröstet gemeinsam mit Knoblauch, etwas Zwiebeln und Salz. dann wird Parmesan untergehoben und zuletzt mit Petersilie abgeschmeckt. Diese Mischung wird auf dem Fenchel verteilt, bevor das Ganze noch mal in den Ofen kommt. Nach 20 Minuten ist das Wunder vollbracht und es darf probiert werden. Der Fenchel offenbart gemeinsam mit der knackigen Parmesan-Semmelbrösel-Schicht ein unfassbares Aroma. Die Tomatensauce sorgt für die notwendige Frische. Sie müssen das probieren, wirklich! Die genauen Mengenangaben liefere ich auf Anfrage gerne nach, denn auch ich habe meine Spuren im Kochbuch hinterlassen: "Semmelbrösel- und Parmesan-Menge verdoppeln!!!!!!!"

Heute also bin ich wieder einen Schritt weitergekommen in meiner Mission. Meiner Schwester empfahl ich ein ebenfalls geschätztes Rezept. Bei einem befreundeten Paar hatte ich hiermit schon Erfolg - die beiden kochen das nun alle zwei Wochen, wie ich hörte. Jedenfalls erreichten mich nun nicht nur von meiner Schwester Begeisterungsrufe über das Sonntags-Essen, sondern auch ihr Freund meldete sich eigenständig bei mir, was er nie tut und dann nur aus gutem Grund. Es muss wohl wirklich lecker gewesen sein!

Finocchio for president!

 





Samstag, 22. April 2017

Bekenntnisse einer Duschgel-Horterin

"Nur mal schnell zu dm" ist hier so ein Satz, der dem Liebsten die Haare zu Berge stehen lässt. Denn ich muss gestehen - seit ich die Arbeitsstelle gewechselt habe, und nicht mehr in Mittagspausen-Fußlauf-Nähe einen dm erreiche - ist es nicht besser geworden. Ich horte. Duschgels, Body-Lotion, Shampoo, aber auch unaufregende Artikel wie Zahnpasta und Kontaktlinsen-Flüssigkeit. 
War es damals die ständige Verfügbarkeit ("Oh eine limited edition"), die mich dazu brachte, meinen ganz persönlichen Drogerie-Markt im Badezimmer-Schränkchen einzurichten, ist es jetzt eher der Gedanke "Jetzt bin ich doch schon mal hier, wird ja nicht schlecht, wer weiß, wann ich das nächste Mal in die Stadt komme und einen Rucksack dabei habe".

Das ganze scheint auf einer erblichen Prädisposition zu beruhen. Meine Schwester neigt zum gleichen Verhalten und als sie ihrem Freund kürzlich auch noch das letzte Sechstel des Schränkchens, in dem er ein Deo und ein Duschgel lagerte, streitig machen wollte, endete das in einer ernsteren Unterhaltung. 

Heute war ich nun also in der Stadt, und zusätzlich belagerte mich dann der Gedanke, dass ich ja vielleicht vor dem Urlaub das letzte mal bei dm bin: Also einmal Rundumschlag mit Shampoo, Spülung, Duschgel, Deo, Body-Lotion, Cremchen hier, Düppchen da....Und ich gebe zu: Nichts davon hätte ich kaufen müssen. Alles noch in mindestens zweifacher Ausführung da. Eigentlich wusste ich das, aber... ich hatte eben einen Ruscksack dabei.

Jetzt habe ich die Einkäufe einfach schon mal im Koffer verstaut, denn ins Badezimmerschränkchen passte natürlich nichts mehr  und so muss ich mich nicht rechtfertigen für umherstehendes, nicht mehr in den Schrank passendes Zeug
Nun muss ich mich nach dem Urlaub nur zusammenreißen und mich erinnern, dass TROTZ des Verbrauchs einiger Tübchen im Urlaub, der Schrank noch immer voll ist.




Mittwoch, 19. April 2017

Du gehst, wie du gekommen bist.

Meine Kollegin zeigte mir heute ein Foto vom Baby einer ihrer Freundinnen. Der Bub von geschätzten 5 bis 10 Monaten (ich bin so unfassbar schlecht darin, das Alter von Kindern zu schätzen, neulich hielt ich eine 14-jährige für mindestens 20, aber das ist ein anderes Thema) hatte ein unglaublich grimmiges Gesicht. Noch dazu waren seine beiden speckigen Ärmchen der Kamera entgegen gestreckt, die Hände nicht mehr zu sehen, sodass es aussah, als habe er sich und seine miese Laune selbst und mit voller Absicht im Selfie verewigt. Ein grandioser Schnappschuss - wer auch immer ihn gelandet hat. Ich konnte nicht aufhören, in dieses Gesicht zu starren. Völlig haarfrei, keine Wimpern, keine Augenbrauen, nur auf dem Köpfchen ein zarter hellblonder Flaum, wenn man ganz genau hinschaute.
Und dann rutschte mir einfach heraus "Ein Greis". Das war es, was mich so fasziniert hatte: Dieses Baby hatte so viel von einem alten Mann, dass es geradezu unheimlich wirkte. Und dann noch diese Wut im Gesicht, die man sonst nur bei alten verbitterten Menschen an der Aldi-Kasse sieht. Als haben diesem Baby nur die paar wenigen Monate gereicht, um ihm alle Lust am Leben auf dieser Erde zu nehmen. 

Die Kollegin war nicht gekränkt durch meine Äußerung, sondern stimmte nur zu "Ja, du gehst, wie du gekommen bist. Ohne Haare, ohne Zähne und mit Windeln um die Fott". 






Dienstag, 18. April 2017

Das haben wir uns verdient!

In dem Sinn, den ich meine, hat das Wort "verdienen" laut Duden als weitere Bedeutungen 

einer bestimmten Reaktion, Einschätzung o. Ä. wert, würdig sein; einer Sache aufgrund seines Verhaltens zu Recht teilhaftig werden

Wenn man mit offenen Ohren sein Leben lebt, hört man buchstäblich heraus, in wie vielen Köpfen das Wort "verdienen" mit der Nahrungsaufnahme verknüpft ist. Ich reagiere so empfindlich und getriggert auf derartige Äußerungen, dass ich mittlerweile bereits die Situationen antizipieren kann, in denen jemand in meinem Umfeld etwas derartiges sagen könnte, und mich entsprechend wappne. Nach unserer Wanderung am Sonntag wusste ich genau, dass beim Setzen an den Kuchen-Tisch die Bemerkung "Das haben wir uns jetzt aber verdient" fallen würde. Innerlich war ich diesmal also vorbereitet. Mit dem Kuchen hatte ich längst Frieden geschlossen, ich hatte Hunger und freute mich, ihn mit der Familie zu genießen.
Anders sieht es aus, wenn ich nicht nachverfolgen kann, was andere Menschen zu sich nehmen, wie viel Sport sie machen o.ä. und auf ihre Darstellung vertraue (schöner wäre es, mich ließe das kalt, aber das klappt noch nicht!) Trifft man sich abends für ein gemeinsames Essen, und jemand lässt völlig unbedacht, ohne böse Absicht verlauten "Das habe ich mir jetzt aber verdient, ich hatte ja kein Mittagessen/Frühstück/nichts als ein zuckerfreies Kaugummi heute", so benötige ich alles, wirklich alles an aufbringbarer Willenskraft, um meine Gabel nicht aus dem Fenster zu schleudern. In diesen Situationen blitzt dann sofort mein Mittagessen UND mein Frühstück vor meinen inneren Augen auf, und ich bin gut darin, im Umkehrschluss zu folgern: Dann habe ICH mir das wohl nicht verdient. Meistens schaffe ich es dann langsam aber sicher, mich auf mich selber zu konzentrieren. Ich muss mir dann sehr deutlich vor Augen führen, dass jeder Schritt zurück wieder unendlich viel Zeit und Kraft bedeutet, diesen wieder rückgängig zu machen. 

Fragen Sie nicht, wie das in der Fastenzeit ist...die tägliche Konfrontation mit dem Verzicht der anderen. Ein Spaß, sage ich Ihnen! Am liebsten sind mir da die Leute, die über sich selber lachen können. Ich habe zum Beispiel einen Kollegen, der Süßigkeiten fastet. Aber nur auf dem Sofa. Und nur wenn der Fernseher läuft. 😄 

Was mich auch immer wieder erstaunt und hilft, die Trigger-Situationen zu überstehen, ist, dass ich mittlerweile weiß, dass andere Menschen oft so wenig Gewicht auf das Essen legen, dass sie Mahlzeiten einfach vergessen. Als meine Schwiegermutter vor einigen Monaten abends beim Besuch bei uns verlauten ließ, sie habe den ganzen Tag nichts gegessen, bis auf zwei Kaffee mit Milch, stellte sich am Ende heraus, dass sie (T. hatte den Tag mit ihr verbracht!) nicht nur gefrühstückt hatte, sondern auch mittags ein belegtes Brötchen vom Bäcker gegessen hatte. Die wenigsten Menschen stellen absichtlich Lügen über das Essen in den Raum. Die wenigsten haben einen Grund zu so einem Verhalten. Für sie war das einfach "nichts". 

Gegessen und sofort vergessen. Bis ich das selber auch kann, bleibt nur: Trigger erkannt, Trigger gebannt. Meistens. 💪



Sonntag, 16. April 2017

Stressiger Start in einen schönen Tag

Mit der für heute als miserabel vorhergesagten Wetterlage konnte ich mir eine Wanderung trotz Feiertag und freier Zeit nicht so wirklich vorstellen. Aus diesem und anderen Gründen hatte ich frühzeitig verkündet, dem heutigen Wandern mit des Liebsten Mutter und Bruder fern zu bleiben, und einen gemütlichen Tag mit Fitnessstudio und Rumwurschteln zu Hause zu verbringen. Nach ihrer Wanderung hätte ich die drei dann mit Kuchen empfangen. Diese Planung warf ich dann heute morgen - spontan wie ich eigentlich nicht bin - um, nervte den weitestgehend geduldigen T. mit aufkommenden Stress und viel Hin-und-Her (ja, nein, doch nicht, oder doch, Frühstück hier oder da? Was zieh ich an?) und brachte auf Grund des Zeitmangels dann ihn ans Baiser, während ich duschte und Zeugs zusammensuchte. Das machte er ganz hervorragend, das Baiser. Besser hätte ich es nicht hingekriegt- vermute ich. Denn anders als der T. jetzt habe ich noch keinerlei Erfahrung im Baiser-Geschäft. Und wenn die Baiser-Haube zu dunkel geraten ist, dann ist das allein durch die auf lautlos gestellte Stoppuhr des iPad mich zu verantworten. Das Herausholen aus dem Ofen war dann nämlich mir übertragen worden, als der Liebste unter der Dusche stand. 

Zum gemeinsamen Frühstück kamen wir dann sogar pünktlich, was erstaunlich ist, da ich eine Stunde früher aufgestanden wäre, wenn ich vorher gewusst hätte, dass ich um 10 Uhr hätte dort sein wollen. Aber Stress ist sowas von nicht mein Ding. Da stehe ich mit größtem Vergnügen lieber früher auf. 




Die miese Wettervorhersage lag ziemlich daneben. Wir bekamen auf 13km rund ums Drei-Länder-Eck keinen einzigen Tropfen Regen ab, dafür aber immer wieder ein paar Sonnenstrahlen. Wer hätte das gedacht. Die Sonnenbrillen hatten wir ja müde lächelnd zu Hause gelassen. 





Gegen 16 Uhr kehrten wir dann bei uns ein und machten uns über den Kuchen her. Der war wirklich gut. Sehr fluffy durch das Baiser-Häubchen. Einzig der Krümelteig ist nicht absolut mein Ding. Ich bin einfach ein Fan von Mürbeteig. Aber insgesamt ein Erfolg. 





Es wäre schön, wenn sich Spontanität immer in so schönen Tagen auswirken würde. Dann würde ich das vielleicht öfter mal probieren!

 


 

Samstag, 15. April 2017

Ostersamstag

Achtung, hier folgt einfach nur ein simpler Bericht des heutigen Samstag zwischen den Feiertagen. Für Langeweile wird keine Haftung übernommen!

Nach dem Aufwachen bemerke ich schon, dass sich die auf der naheliegenden Straße vorbeifahrenden Autos für die Uhrzeit 07:00h verdächtig laut anhören. Ich hoffe zunächst, dass vielleicht auf Grund des Ostersamstag die Frequenz der Autos einfach höher ist als sonst und dies den Geräuschpegel erklären würde, werde dann aber beim Blick aus dem Fenster leider enttäuscht: Laute Autos heißen nun mal nasse Straßen, und so ist es auch. Also keine schöne Jogging-Runde, sondern ein Fitness-Studio-Gang. Bei Regen laufe ich auch gelegentlich, aber nicht bei 7 Grad. 

Im Fitnessstudio ist es voller als gewöhnlich, nach meiner Stunde da, geht es ab nach Hause. Während ich dusche, macht der Liebste Frühstück. 

Später besuchen wir den arabischen Supermarkt, den uns Roza und Nihad empfohlen haben. Auch in Urlauben liebe ich es, die fremden Lebensmittel in den Supermärkten zu erkunden. Wir sind seitdem wir in Aachen leben, auf der Suche danach, wie der AKL-Dip in unserem Lieblings-Imbiss wohl zusammengesetzt ist. Nach einiger Recherche dachte ich, dass er auf Tahini (Sesampaste) basieren muss. Daher packen wir Tahini als erstes in unseren Einkaufskorb. Aber auch Kichererbsen, Fladenbrot, Minze, Muhammara und spontan mariniertes Hähnchen aus der Frische-Theke kaufen wir. Eigentlich wollten wir heute Falafel machen, aber so eine arabische Marinade kann nicht schlecht sein. 
Da ist man einmal in einem anderen Stadtteil einkaufen, und ich laufe direkt dem nächtlichen Wächter und Saubermann aus meinem Fitnessstudio in die Arme. Morgens hatten wir uns noch dort gesehen. Er erzählt mir, dass er direkt um die Ecke wohnt. 




Zurück zu Hause steht Kuchenbacken an. Statt des Standard-Generationen-Rezepts für Käsekuchen, versuche ich heute einen, dessen Boden aus Kekskrümeln besteht. Premiere für mich. Die Quark-Creme bedarf keines Backens. Nur für die Baiser-Haube, die ich aber erst morgen mache, kommt der Kuchen zum Schluss noch kurz in den Ofen. Die Masse - mit Zitronenschale und -saft - schmeckt schon mal fantastisch. Der Bruder des Liebsten, der morgen auch zu Gast sein wird, ist ein passionierter Käsekuchen-Vernichter. Ihm mache ich besonders gerne eine Freude, auch wenn ich persönlich Käsekuchen zwar gerne mag, aber nicht als meinen Lieblingskuchen bezeichnen würde (Streuselkuchen!!). 




Der Nachmittag geht so recht schnell um. Zwischendurch beginne ich noch ein neues Buch: Morenga von Uwe Timm. Ich bin da zufällig drüber gestolpert und wann, wenn nicht so kurz vor unserer Namibia-Reise, sollte ich das lesen.

Abends verarbeiten wir die erstandenen Lebensmittel. Es gibt Fattousch, den libanesischen Salat - mit Fladenbrot und Minze versehen. Dazu das Hühnchen in Fladenbrot gerollt und mit Saucenauswahl.Leider kriegen wir trotz Tahini-Sauce keinen Dip hin, der Ähnlichkeit zum Akl-Dip hat. Es schmeckt uns aber trotzdem, besonders glücklich bin ich mit der Variante, das Fladenbrot mit Hummus einzustreichen, bevor Salat und Hähnchen darauf landen.




Jetzt hoffe ich, dass mir das Baiser-Häubchen morgen gelingt. Habe noch nie Baiser zubereitet!














Freitag, 14. April 2017

Es war ein schöner Tag.

Ich weiß gar nicht so recht, wie ich diesen Post beginnen soll. Den ganzen Dienstag war ich ziemlich aufgeregt wegen der bevorstehenden Einladung bei Roza. Insbesondere, wenn ich diejenige bin, die eine Veranstaltung, Verabredung o.ä. geplant hat, verstärkt sich meine Aufregung, weil ich mich dann eben auch noch dafür verantwortlich fühle, dass der liebste T. einen guten Abend hat. Normalerweise ist er die treibende Kraft, die dafür sorgt, dass wir ab und an gemeinsam Freunde treffen, auch wenn ich in letzter Zeit wieder langsam in Fahrt komme. 

Nach der Arbeit stand erst noch Impfen an, wofür ich zuvor noch den Impfstoff kaufen musste. Dann schnell zu Hause Umsteigen vom Auto auf´s Rad, um dann T. beim Arzt zu treffen. Normalerweise reicht mir solch ein "Stress" nach Feierabend schon aus. Stattdessen stand im Anschluss dann die Einladung auf dem Programm (was mir dann auch wieder zeigt, wie groß meine Fortschritte wirklich sind).

Schon auf dem Hinweg mussten wir lachen, weil wir, obwohl wie die Fahrräder schoben und zu Fuß schlenderten, schon 11 Minuten zu früh in der Straße standen, in der Roza und ihr Mann wohnten. So gingen wir noch eine Runde um den Block und - wie soll es sein - klingelten um Punkt 18 Uhr. Ja, peinlich. Aber da ich immer überpünktlich bin, der Liebste immer ein paar wenige Minuten zu spät ist, musste ja dann genau 18 Uhr bei rauskommen. 

Roza und Azad wohnen ganz oben und erwarten uns in der Tür. Und im Moment, in dem wir durch die Tür gehen, fällt alles an Aufregung von uns ab. T. bestätigt mir später, dass er es genauso empfunden hat. Nach dem gegenseitigen Vorstellen ergibt sich sofort ein Gespräch mit Azad. Wir reden über die wirklich geschmackvoll eingerichtete Wohnung, bestaunen einige kreative Details, erkennen Ikea-Lampen, die wir auch haben, und haben keine Schwierigkeit, Themen zu finden. Nachdem ich Roza jetzt einige Monate kenne, und immer wieder erstaunt bin, dass der Unterricht in der Schule doch so wenig Sprechkompetenz (schriftlich deutlich besser) mit sich bringt, ist die Lage bei Azad eine komplett andere. Man merkt, dass er in seiner Arbeit ständig Kundenkontakt hat, und im Laufe des gesamten Abends stolpert er vielleicht über 1,2 Wörter. Kennt aber wirklich alle komplizierten Begriffe aus dem Leben, Arbeitsleben etc, woran man merkt, dass er sich nach seiner Ankunft in Deutschland hier allein durchschlagen und mit "Vermietern", "Nebenkosten" und "Stundenlohn" klar kommen musste. Wahnsinn. Azad redet unbefangen über seinen Weg nach Deutschland. Über das Gefühl, das ihn damals überkam, als er - seit einigen Jahren im Libanon lebend - zum ersten Mal seit Beginn des Kriegs zurück in seine Heimat Syrien kam (und Schwierigkeiten hatte, das Land wieder zu verlassen auf Grund der Tatsache, dass für ihn als jungen Mann verschiedene Gruppierungen Verwendung gehabt hätten...). Endlich klären sich für mich ein paar Zusammenhänge, die mir bislang durch Roza nicht vollständig klar gemacht werden konnten. 
So vergeht sicherlich schon eine Stunde. Roza sagt nur ab und zu etwas, aber fühlt sich offensichtlich trotzdem einigermaßen wohl. Ich denke, sie kann der Unterhaltung folgen, da sie ab und zu Azad ein paar Details auf Kurdisch sagt, die er dann einfließen lässt.

Irgendwann steht Roza auf und fängt an, Essen von der Küche hereinzutragen. Ich folge in die Küche und sehe da erst, was sie alles vorbereitet hat: Es gibt eine große Schüssel Fattoush, Röllchen aus Blätterteig gefüllt mit Hühnchen und Bulgur-Bällchen, die Azad noch gemacht hat, als er von der Arbeit kam. Dazu eine frische Paprika-Joghurt-Sauce und Ayran. 

Als alles auf dem Tisch steht, setzen wir uns und Azad fängt an, uns die Teller vollzuladen. Er ist dabei so schnell, dass ich ihn erst stoppen kann, als mein Teller schon so voll ist, dass ich genau weiß, dass ich die Portion nicht schaffen werde. Aber alles ist unglaublich lecker und frisch, und ich geb mein bestes. Besonders die Minze im Fattousch macht etwas her, die Geschmacksnote ist so eine ganz andere.
Ich mampfe vor mich hin, und der schneller essende Liebste kriegt, sobald er mehr als die Hälfte seiner Portion gegessen hat, genau das gleiche noch einmal nachgeladen - trotz Protest! Später sagt er mir, dass er wirklich gelitten hat, da auch der erste Teller schon dicke gereicht hätte. ich hoffe so sehr, dass Roza und Azad uns wirklich glauben, wie lecker alles ist, wir betonen es mehrmals, auch wenn ich ein wenig auf dem Teller zurücklasse...

Wir helfen beim Abräumen (diesmal gegen den Protest von Roza) und sitzen dann wieder auf der Couch. Azad fragt, ob wir ihr Hochzeits-Video sehen wollen. Au ja ! Azad erzählt dabei ein bisschen von der Hochzeit, wie der Ablauf war, was es zu essen gab, etc. Es scheint alles sehr typisch kurdisch gewesen zu sein mit Catering nur für die Hauptspeise, das in der Regel Hähnchen ist, die Salate und Beilagen werden vom inneren Familienkreis beigesteuert. Die Feier fand in einem Saal statt und außer Essen wurde nur getanzt. Das 4-stündige Video zeigt von der 8 Stunden dauernden Hochzeit demnach auch in erster Linie tanzende Menschen, was aber ganz gut ist, da Azad und Roza uns so ihre Eltern und Geschwister zeigen können. Als ich Rozas Mutter verpasse zu sehen, sagt Azad "Macht nichts, gleich kommt noch eine Runde" 😁 Dem war auch so, und noch eine und ... 
Irgendwann wenden wir uns dem leckeren Kaffee zu (im arabischen Stil), der liebste T natürlich nicht, der kriegt Tee, und lassen die Hochzeit im Hintergrund zur musikalischen Untermalung weiterlaufen.  

Wirklich beeindruckt und zum Nachdenken angeregt hat mich die Natürlichkeit, mit der Azad und Roza ständig Familienmitglieder bei sich zu Besuch haben, manchmal über Tage, manchmal über Wochen. Umgekehrt hat Azad nach seiner Ankunft in Deutschland auch 6 Monate bei einer seiner Schwestern gewohnt. Auch wenn das klischeehaft ist, scheint es einfach normal zu sein in arabischen Ländern. Und wird sicherlich auch noch verstärkt, wenn man sich in einem neuen Land zurecht finden muss und das Glück hat, Familie dort vorzufinden. Wir sind die ersten deutschen Gäste der beiden, und ich hoffe sehr, dass wir ihnen nicht total seltsam vorkamen. Dass wir pünktlich um 18 Uhr klingelnd an der Tür standen, war sicherlich schon die erste Merkwürdigkeit für die beiden. Was sonst noch haben wir gesagt und gemacht, worüber sie grübeln, sich wundern oder lachen, als wir gegangen sind? Für uns war der Abend "normaler" als wir erwartet hätten. Abgesehen von der Sprachbarriere, die mit Roza noch besteht, hätte es auch ein Abend bei deutschen Freunden sein können. Wir haben uns sehr, sehr wohl gefühlt. 
Besonders gut getan hat mir zu sehen, dass Roza so einen liebevollen, offenen und intelligenten Mann an ihrer Seite hat. Mit ihren 22 Jahren kommt sie mir so unfassbar jung vor, da ist es beruhigend zu wissen, dass sie eine Stütze in ihrem Mann hat. 

Seitdem wir aus der Tür gegangen sind, überlege ich übrigens, was wir kochen, wenn wir die beiden einladen.

Als ich im Bett liege, erhalte ich von Roza auf mein nochmaliges Dankeschön per whatsapp die Antwort "Es war ein schöner Tag".